Anfang
Am Anfang beherrschte die Leere das Universum, in dem Nichts war. Die Zeit hatte noch nicht ihren Anfang genommen und das Chaos schlief im Raum, der erst geschaffen werden mußte. Seit Ewigkeiten war alles so und Nichts veränderte sich, doch alle Ewigkeit war wie ein Moment, weil Nichts in ihr war.
Da plötzlich und unerwartet kam vom Ende der Zeit ein Schrei in das Nichts und das Nichts wich erschrocken vor dem Schrei zurück, denn es konnte ihn nicht ersticken. Der Schrei aber war das Leben, das durch die Zeit an seinen Anfang geflohen war, um seiner Vernichtung am allerletzten Tag zu entgehen. Der Schrei war Leben und das Leben besiegte das Nichts. Dort, wo Leben war, wurde die Zeit geschaffen und in der Zeit entstand der Raum. Der Schrei aber war Energie und durchmaß den Raum. Er verdichtete das Chaos zu Materie und gab ihm seine Ordnung. Die Energie formte die Materie zu Galaxien, Sonnen und Planeten.
Am Anfang wütete das Feuer auf allen Himmelskörpern, doch auf jenen, die das Leben auserwählt hatte, wich es bald zurück und aus den Tiefen der Materie stieg Wasser empor.
Das Leben aber ist in allem, und der Schrei hallt als eine Erinnerung durch Raum und Zeit und durchdringt die Träume eines Schlaflosen.
Erinnerung
Kurz nach Beginn der Zeit, als die Welt noch jung war, war die Erde ein düsterer Ort, an dem Zwielicht über das ungeordnete Chaos der ungefesselten Urgewalten herrschte. Sie war bedeckt von einem ungeheuren Meer, das aufgepeitscht vom einem wütenden Wind tosend über die Hemisphäre wogte. Unter dem Meer lag der Planet noch in seinen Geburtswehen und flüssiges Magma rann durch die schmerzhaft-pulsierenden Adern des in seinem Fieberwahn unruhig Träumenden.
Da geschah es, daß die dünne Schale aus festem Gestein tief unter dem eisigen Meer aufbrach. Ein Berg aus brennenden Fels stieß aus der klaffenden Wunde mit ungeheurer Gewalt durch das Wasser an die Luft. In Agonie schrie der verwundete Planet auf, und ein gewaltiges Beben erschütterte ihn in seinen Grundfesten. Wasser und Feuer stürzten sich augenblicklich in einen erbitterten Kampf und versuchten sich gegenseitig zu vernichten. Mit all seiner Macht rannte das Wasser mit seinem Verbündeten, dem Sturm, gegen den Eindringling an und versuchte ihn zu ersticken, doch der Fels drang tief in den Körper des Wassers, und das Feuer tobte und versuchte Wasser und Luft allesamt zu verbrennen, um allein mit dem Fels über die Schöpfung zu herrschen. Es verdampfte die rasende Gischt zu Wasserdampf, der in einer gewaltigen Säule in die Luft stieg und sich in der Atmosphäre verteilte.
Lange dauerte der ungleiche Kampf der Elemente in diesem ersten Krieg, der umso verbissener geführt wurde, weil er schon entschieden war, bevor er begonnen hatte. Indessen rieb sich der Wasserdampf durch die Energie des Feuers in der Luft und aus ihm hervor brach ein gleißender Blitz, der in den Felsen, gerade als er die Wasseroberfläche durchbrochen hatte, einschlug. Den Blitz begleitete ein Donner, dessen Schlag das Zwielicht einen Herzschlag lang in Licht und Schatten spaltete. Licht und Schatten durchdrangen Wasser und Feuer, die Erde und die Luft und erstaunt und erschrocken hielten sie in ihrem Kampf inne.
Denn mit dem Licht kam die Erkenntnis und sie erkannten, daß sie niemals über den anderen siegen konnten, ohne sich selbst zu besiegen, weil sie selbst im jeweils andern lagen und doch getrennt waren. Und mit dem Schatten kam der Schmerz und sie fühlten, daß sie selbst weder mit- noch gegeneinander, sondern nur nebeneinander existieren konnten, ohne die Chance, sich jemals wieder zu vereinen.
So beendeten sie ihren Kampf und begannen nachzudenken. Der Wind legte sich und glättete die Wellen des Wassers, während das Feuer abkühlte und den erstarrten Felsen aus seinem Inneren nur mehr rötlich glühen ließ. Das Wasser aber umspülte nun den Felsen und es
begann sich an ihm zu erwärmen. Der Fels mochte die Berührung des Wassers, dem er seine allzugroße Wärme geben konnte, während es ihn so angenehm kühlte und er fand Gefallen am Wasser, so wie das Wasser Gefallen am Felsen, den es umschließen und umarmen konnte, fand.
Da sagten Wasser und Fels zueinander: „Wenn wir selbst schon nicht zueinanderfinden können, so laßt uns Geschöpfe schaffen, uns ähnlich und doch im Wesen verschieden, die das erreichen können, was wir nicht vermögen.“ So war es gesagt und so war es getan.
Der Wind blies in das Meer und formte ein Wesen aus Gischt und Schaum, das Wasser war, aber sich doch vom Wasser unterschied. Ebenso formte das Feuer ein Stück Fels so, daß es warm und biegsam war, aber das Wasser nicht mehr verdampfte.
Beide Wesen fanden Gefallen aneinander und umarmten sich, und ihre Umarmung war so vollkommen, daß sie miteinander zu verschmelzen begannen, um ihre Einsamkeit zu überwinden. Überall dort, wo sie eins wurden, begannen sie zu strahlen und ein sanftes Licht
strömte aus ihnen heraus und begann in die Welt zu fließen. Das Licht sammelte sich zu einem großen Ball und erhob sich schließlich in den Himmel, um den ganzen Planeten erhellen zu können. Der Planet erwachte aus seinem Fiebertraum und gebar Leben.
Das Licht, das schon an Himmel war, leuchtete auch auf die beiden Wesen, die noch immer Licht hervorbrachten, und das Licht kam in Schwingung und begann zu klingen und aus dem Klang wurde ein Ton, aus dem Ton eine Melodie. Die Melodie hob und senkte sich und brachte sich selbst in immer neuen Variationen hervor. Mächtig floß der Strom an reinen Tönen über die Welt und brachte Freude in sie.
Doch da kam plötzlich ein schrecklicher Mißklang in die vollständige Harmonie, der aus den Teilen der Wesen drang, die sich nicht vereinigen konnten, weil sie zu sehr verschieden waren, weil sie zu sehr Wasser, Feuer, Fels und Luft waren. Der Mißklang brachte die Dunkelheit in die Welt und das Licht floh vor der Dunkelheit, die es nicht durchdringen konnte. Die Dunkelheit war neidisch auf das Licht, weil der Planet kein Leben in ihr hervorbringen wollte und begann dort, wo sie das Licht vertrieben hatte, das Leben zu verderben und zu korrumpieren.
Die Melodie erschrak heftig, als sie den Mißklang in sich spürte und der reinste, vollkommenste Teil von ihr floh vom Planeten hinaus um den Weltraum um nicht Schaden zu erleiden. Der andere Teil von der Melodie aber begann entsetzt mit der Kakophonoie zu kämpfen. Unwiderstehliche Macht wurde aus seiner Lieblichkeit als er sich ihr entgegenstellte. Er begann sich so zu verändern und zu drehen, daß sich seine Töne mit den Mißklängen aufhoben und verschwanden. So wurden die Töne immer weniger und leiser bis sie schließlich beinahe ganz verschwunden waren. Klang und Mißklang hatten gemeinsam den Tod geschaffen.
Da wurden die beiden Wesen sehr traurig, denn sie gaben sich die Schuld, daß die Dunkelheit und der Tod in die Welt gekommen waren. Sie baten Wasser, Feuer, Fels und Luft, ihnen Erde zu machen, in die sich legen konnten. So baten sie und so geschah es.
Feuer und Luft erodierten den Fels und er zerfiel zu Staub, den das Wasser benetzte und zur Erde machte. Tief die Erde hinein nun legten sich die beiden Wesen, die nun eins und doch getrennt waren, und Erde bedeckte ihre Körper.
Lange lagen sie dort und schliefen, warteten, daß die reine Melodie wieder aus den Raum zurückkomme und sie aufwecke. Lange lagen sie, und die Erde formte ihre Körper um, gab ihnen eine neue Gestalt aus Fleisch, Knochen und Blut, in denen der Geist des Wasser, des Feuers, des Felsens und der Luft weiterlebte. Die Erde formte sie zu Mann und Frau und als Mann und Frau erwachten sie als die Melodie endlich zurückkam.
Erwachen
Düsternis herrschte auf dem Planeten, drückende Stille lag bleiern in der schweren Luft und tief schliefen die Wesen, aus denen einst das Licht in die Welt gekommen war.
Da kam von weit draußen im Weltraum ein Komet und brachte einen Hauch der verlorenen Melodie, die einst geflohen war, aus dem Nichts zurück in das Sein. Sie erhellte die traurigen Herzen der Menschen, die noch nicht wußten, daß sie welche waren.
Ein Traum von strahlender Schönheit erfüllte den Raum und brachte ihn zum Klingen. Ein reiner kristallenen Ton drang in die Ohren, die noch nicht gehört hatten und verwundert über das Unerhörte erzitterten. Die tote Materie wurde belebt durch den Ton.
Er brach durch die Luft, zuerst ein kleiner Lufthauch, ein leises Vortasten, ein Flüstern, das sich überrascht über den eigenen unwiderstehlichen Klang zu einer Stimme erhob, die bald wie ein sanfter Wind über die Erde fegte, dem überall wo er auch hinkam, sein eigener Gesang als vorauseilendes Echo entgegenklang.
Da wurde der Wind mutig und besann sich seiner Kraft. Er erhob seine Stimme zum Orkan und Welt fiel zustimmend in den lang ersehnten tobenden Jubel mit ein. Wasser wurde aufgewühlt, spritzte hoch in die Luft, und schwang sich mit jedem einzelnen Tropfen auf die zwingende Melodie ein. Aus den Tiefen des Meeres erschall das dunkle geheimnisvolle Echo zur entfesselt fröhliche Musik der Gischt, tief, geheimnisvoll, endlos traurig und in unendlicher Harmonie.
Ein Tosen ging durch den Planeten, der zu atmen begonnen hatte und sich seiner Kraft bewußt wurde. Harter Fels wandelte sich und begann mit tiefer Baßstimme die Melodie des Windes zu begleiten. Aus den Tiefen der Erde strebten die Keimlinge des Lebens, angelockt durch die Musik der Entstehung, an die Oberfläche und begannen im Wind zu tanzen und die Luft zu beleben.
Neue Töne formten sich aus dem neuen Leben und breiteten ungeduldig ihre kraftvoll zerbrechlichen Schwingen aus, um sich auf den Flügeln des Gesanges durch die Luft tragen zu lassen, hoch hinauf, kühn der Sonne entgegen.
Die Menschen hoben erstaunt ihre Blicke von der Erde und begannen mit ihren Gedanken zu fühlen und mit ihren Gefühlen zu denken. Zum ersten Mal seit unendlichen Zeiten wurden sie sich ihres Lebens und seiner Bedeutung bewußt.
Über ein Menschenpaar jedoch, dem ersten, Mann und Frau, ging der Orkan hinweg, seine Urgewalt konnte nicht ihren tiefen Schlaf brechen, nichts an ihm war so zwingend wie das, auf das sie zu warten bestimmt waren. Die übrigen Menschen betrachten die beiden verwundert und fragten sich ängstlich, ob sie wohl tot seien, weil sie noch immer nicht aufgewacht waren, doch scheu wagten sie nicht, die beiden zu berühren.
Endlich legte sich der Sturm der Stimmen und es folgte eine tiefe Stille. Angsterfüllt fragten die Menschen, ob die Kraft versiegt sei, ob sie nun kaum geboren wieder sterben müßten?
Doch da erhoben sich zwei Töne aus der Stille, der eine tief und mächtig, wie eine Woge des Meeres, der andere hell und klar, fast zerbrechlich, doch so rein und durchdringend wie eine weiße Flamme. Zögerlich kamen sie einander näher, überrascht über die unerwartete Existenz des jeweils anderen und begannen eine völlige neue vielstimmige Melodie zu bilden. Sie umarmten einander, begannen miteinander durch alle Tonarten zu spielen bis sie schließlich ineinander zerflossen, ohne etwas von ihrer besonderen Eigenart aufzugeben. Immer mehr stimmten sie ihren Klang aufeinander ab, stimmten sich selbst aufeinander ein bis sie schließlich ein Ton wurden, eine Stimme, ein Wort, die noch niemals Gehörtes in die Welt sang, schöner und klarer als alles jemals vorher Gehörte. Das Lied der Liebe war geboren.
Da erst erwachten die beiden Menschen und faßten einander bei den Händen, gaben einander durch ihre Berührung ein Versprechen, das niemals mehr gebrochen werden sollte. Sie sahen sich an ein und erkannten einander.
Liebe
Mann und Frau erwachten und hielten sich an der Hand. Sie hielten sich und erkannten einander und daß sie sich liebten. Die Frau umarmte den Mann und der Mann war in der Frau, so wie sie in ihm war und sie waren eins in ihrer Liebe. Sie hatten keine Geheimnisse in ihren Gedanken und Gefühlen sondern benützten sie als ihre erste Sprache, denn jeder war im anderen und sie erspürten einander und waren glücklich. Das Wasser der Frau umspülte vollkommen den Fels des Mannes und er war in ihr geborgen, so wie sie Halt in seinen Armen fand, die ihren Körper fanden und hielten. Sie berührten einander mit den Lippen und ihr Kuß war ein Versprechen, der die Erde um sie herum zum Blühen brachte. So erwachten sie und lange Jahre waren die beiden glücklich. Und dennoch war ihr Glück zu schnell vorüber.
Denn eines Tages vernahm der Mann einen häßlichen Ton, einen der letzten Töne aus dem einstigen großen Mißklang, den die Harmonie nicht gänzlich ausmerzen gekonnt hatte, weil er in den Schatten der Dunkelheit geflohen war, die kein Licht zu durchqueren vermochte. Dort war er lange geblieben. Er war immer dunkler und böser geworden, bis er große Finsternis in sich aufgenommen hatte. Doch nun war er ans Licht gekommen und drang in das Ohr und das Herz des Mannes und das Ohr und das Herz des Mannes, die einst aus Stein gewesen waren, verhärteten sich wieder und wurden abermals zu Stein. Die Liebe floh aus seinem Herzen und sein Ohr hörte nicht mehr die Gefühle und die Gedanken der Frau, die ihn liebte. Er wandte sich ab von ihr und verstieß sie aus seinen Armen.
Seine Gabe, die Gedanken und Gefühle anderer zu erkennen, verwendete er nun, um andere seinen Willen zu unterwerfen. Wenige konnten ihm widerstehen und bald herrschte er als König über ein großes Reich, in dem die Menschen ihm in Angst zu Füßen lagen, denn er bestrafte die hart, die sich ihm zu widersetzen wagten.
Die Frau jedoch liebte ihn immer noch und konnte nicht aufhören ihn zu lieben. Schmerz zerriß ihr das Herz und sie empfand tiefes Mitleid für den Mann, denn ihre Gedanken und Gefühle waren noch immer in ihm und litten den Schmerz, den sein versteinertes Inneres nicht zu leiden vermochte. Sie weinte bittere Tränen um ihn und bat ihn, sie doch wieder in seine Arme zu nehmen, doch er erkannte sie nicht und stieß sie von sich.
Die Frau aber konnte den Mann noch immer nicht loslassen, denn sie liebte ihn. Sie versuchte ihm, ihre Wärme zu geben, ohne daß er sie wollte, und wollte ihn mit all ihrem Fühlen heilen. Doch zu groß war seine Kälte, so groß, daß sie auf den Pfaden, auf denen die Frau vergeblich Wärme gegeben hatte, in ihren eigenen Körper hinüberzuwandern begann. Da wurde die Frau sehr krank und Fieber und Kälte beherrschten ihren wunderschönen Körper, der seine Blüten verloren hatte.
In ihrem Fieber durchquerte sie die Dunkelheit, um den Ton zu suchen, der ihr den Mann genommen hatte, und ihre Trauer verlieh ihr solche Kraft, daß selbst die Dunkelheit vor ihr floh und ihr nichts anhaben konnte. Den Ton fand sie jedoch nicht, denn er war im Mann, und im Mann war solche Finsternis, daß ihre Kraft nicht ausreichte, sie zu vertreiben. Das Fieber verging, doch es brachte ihr die Liebe nicht zurück, die sie für den Mann empfand. In ihr blieb eine abgrundtiefe Leere und in der Leere war Verzweiflung.
In ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung war sie lange allein, doch sie war eine Frau und nicht zum Alleinsein, das sie lebend zerstörte, geschaffen. Um ihre Einsamkeit erträglicher zu machen, nahm sie einen anderen Mann, einen der späteren Menschen, und gebar ihm ein Kind. Liebe jedoch konnte sie ihm keine geben, denn die war nicht in ihr, sondern noch immer im Mann, und so wie sie keine Liebe geben konnte, wurde auch sie nicht geliebt. Als die Frau dies sah, gab sie all ihre Zuneigung, die sie empfinden konnte, ihren Kind und im dem Maß, als das Kind ihre Zuwendung nahm und erwiderte, spürte die Frau, daß einige ihrer tiefen Wunden langsam zu heilen begannen. Vielleicht, so hoffte sie, würde dem Kind die Fähigkeit zu lieben, die ihr verwehrt blieb, erwachsen.
Als der Mann jedoch vernahm, daß die Frau einen anderen Mann genommen und ein Kind geboren hatte, spürte er, der schon lange nicht mehr lieben konnte, rasende Eifersucht in seinem steinernen Herzen. In der Finsternis seiner Einsamkeit, verfluchte er die Frau, die er verstoßen hatte und überzeugte sich und die Menschen, daß sie ihn verlassen hätte. Er nahm ein Schwert und machte sich auf, um die Frau zu suchen.
Bald schon hatte er sie gefunden, denn sie verbarg sich nicht und traurig blickte sie in seine harten Augen. In dem Schmerz ihres Blickes erkannte der Mann seine Schuld, doch der Stein seines Herzens verwandelte sie in rasende Wut. Als er sah, daß er keine Macht über die Frau hatte, nahm er mit Gewalt, was sie ihm so gerne gegeben hätte.
Er vergewaltigte die Frau und der Blick der Frau wurde noch trauriger und schmerzerfüllter. Die Gewalt jedoch, die er ihr getan hatte, richtete sich gegen den Mann selbst und schuf in ihm eine große Leere.
Da geriet der Mann außer sich und tötete zuerst das Kind und dann die Frau. Blut klebte an seinen Händen und das Blut der Erschlagenen schrie seine Schuld in den Himmel. Der Mann blickte auf seine Hände. Er sah das Blut und er erst jetzt begriff er, was er getan hatte. Er preßte seine Hände auf sein Herz, denn er litt plötzlich furchtbare Schmerzen, die ihn durchdrangen und beinahe zerrissen. Doch als das Blut der Frau den Stein seines Herzens benetzte, geschah das Wunder: der Stein wurde weich und Leben kehrte in ihn zurück.
Der Mißklang fühlte die Liebe der Frau, die im Tod Leben gab, und seiner Macht beraubt floh aus dem Kopf und dem Herzen, die er in Besitz genommen hatte. Schmerz, größer als sein Verstand ihn erfassen konnte und unsagbare Reue schlugen auf den Mann ein, kehrten sein Innerstes nach außen. Mit dem Schmerz kehrte auch seine Liebe zur Frau zurück und laut schrie er auf in seiner quälenden Ohnmacht. Die Menschen, die ihn hörten, flohen vor ihm, denn sein Schrei ging über das hinaus, was sie ertragen konnten.
Gepeinigt warf er sich auf die Erde, um in ihr zu versinken, doch die Erde wollte ihn nicht aufnehmen. Verzweifelt versuchte er sich ins Wasser stürzen, doch das Wasser wich vor ihm zurück. Da stieg er auf einen Felsen, um sich in den Abgrund zu stürzen, doch der Fels hielt ihn zurück und warf ihn zu Boden. Auch das Feuer, seine letzte Zuflucht, erlosch, als er sich verbrennen wollte.
Da erst verstand er endlich und brach auf, um die Frau, die er getötet hatte, zu suchen und wiederzufinden. Denn dies wußte er: nichts ist endgültig, auch nicht der Tod.
Lange und weit reiste er und vielleicht dauert seine Suche immer noch an. Bis zum Ende seiner großen Suche sollte er keine andere Frau mehr lieben können, noch von einer geliebt werden, doch dies wußte er noch nicht. Seltsam und dunkel sind die Geschichten, die er erlebte, doch die sind woanders erzählt.
Was jedoch die Frau all die Zeit erlebte, das kann sie nur selbst erzählen und ich hoffe, daß sie dies eines Tages tun wird.
9.1.97