Mar 172010

Aus Sicht eines Historikers ist es wahrscheinlich noch zu früh, die Geschichte von Open Source seriös zu berichten. Und das würde wohl auch den Rahmen eines Blogs etwas sprengen. Deswegen hier der Versuch einer nicht so seriösen Geschichte, die so beginnt…

Es waren einmal zwei Jungen. Sie hießen Bill und Steven. Sie durften im selben Park mit Computern spielen. Das gefiel ihnen beiden sehr gut. Da sie die Software, mit der sie im Park spielten, nicht mitnehmen durften, aber auch gern zuhause spielen wollten, beschlossen sie beide, ihr eigene Software zu bauen.

Bill nannte sein Betriebsystem “Fenster”. Bill wollte, dass seine Software auf allen Computers der Welt lief, doch das Fenster mußte immer geschlossen bleiben. Nur er durfte das Fenster aufmachen und sehen, was dahinter war. Steven fiel kein besserer Name ein und deswegen nannte er sein Betriebssystem einfach “Apfel”. Steven wollte, dass seine Software nur auf den Computern lief, die er mochte und deswegen verkaufte er die Computer gleich mit seiner Software mit. Ähnlich wie Bill wollte auch Steven der Einzige sein, der von seinem Apfel abbeißen durfte.

Stallman Dann war da noch ein Junge. Der hieß Richard. Richard hieß auch noch Stallman, war sehr neugierig und wollte mit Bill und Steven gemeinsam spielen. Doch die beiden wollten ihn nicht mitspielen lassen. Bill ließ ihn nicht sein Fenster öffnen und er durfte auch nicht in Stevens Apfel beißen.

Das machte Richard sehr wütend und er beschloss sein eigenes Betriebssystem zu schreiben, damit er mit anderen gemeinsam daran spielen durfte. Er erlaubte allen, dass sie seine Software zu jedem Zweck ausführen, studieren, verändern und weiter verbreiten durften.

Torvalds Und er freute sich, wenn jemand sie verbesserte und unter den gleichen Bedingungen wieder verbreitete und damit einen Nutzen für die Gemeinschaft erzeugte. Das freute auch einen anderen Jungen, der in Finnland wohnte und es auch satt hatte, alleine spielen zu müssen. Der Junge hieß Linus Torvalds und schrieb zu dem Betriebssystem von Richard einen Kern, der es der Software von Richard nun ermöglichte, auch auf einer ganzen Menge von Computern zu laufen. Bill und Steven freute das gar nicht. Sie bekamen nun Angst, dass nun niemand mehr mit ihnen nach ihren Vorstellungen spielen wollten. Sie schrien laut herum und nannten Richard einen Dämon des Kommunismus. Das war natürlich ziemlicher Blödsinn, denn der Dämon war ja schon das Maskottchen von BSD und das war ein UNIX-System.Richard nannte sein System GNU und wollte damit allen sagen, dass GNU nicht UNIX ist, obwohl es viele dafür halten.

Gnu Das GNU gefiel bald auch vielen anderen Jungen und Mädchen auf der ganzen Welt, denn die konnten ja nun gemeinsam miteinander so spielen, wie es ihnen Spaß macht. Und bald kamen sie auch dahinter, dass man spielerisch auch eine ganze Menge Probleme lösen kann. Und wenn wer Probleme lösen kann, dann findet sich meistens auch wer, der dafür gern etwas Geld ausgibt, weil er selber nicht die Zeit und das Wissen hat, alle seine Probleme selbst zu lösen. Das war auch hier so.

Da bekamen Bill und Steven so richtig Angst. Sie setzten sich hin und überlegten, wie sie denn richtig gemeine Spielverderber sein konnten. Bill redete mit den Hardware-Herstellern und versuchten diese dazu zu bringen, Dinge zu bauchen, die nur mit seiner Software liefen. Steven sorgte dafür, dass auf die Computern, wo seine Software lief, die von Richard nicht laufen durfte. Beide wollten ihre Software nicht mit der Software von Richard reden lassen. Wo sie das nicht konnten, da erfanden sie eigene Sprachen, die sonst niemand redet. Sie bildeten sich jedenfalls auf ihre Ideen eine ganze Menge ein und versuchten diese als geistiges Eigentum und mit Softwarepatenten zu schützen.

Das alles hielt aber Richard und die anderen nicht wirklich auf, eine Menge Spaß und Erfolg zu haben. Und weil mit Ihrer Software jede andere Software reden darf, selbst die von Bill und Steven, setzte sie sich sehr rasch im Internet durch. Denn im Internet ist es eben wichtig, dass man miteinander redet und nicht nur für sich bleiben will.

Wiki Insbesondere den beiden Jungen Mark Shuttleworth und Jimmy Wales gefiel das extrem gut. Mark gründete eine Organisation, die Ubuntu, was auf Deutsch “Für Menschen”, heißt. Diese baut aus der Vielzahl der Software von Richard und seinen Freunden ein einfach zu bedienendes System, das fast jeder auf seinem Computer installieren kann. Jimmy wollte die Idee, die hinter der Software von Richard stand, dazu verwenden, Wissen jeglicher Art gemeinsam zu schaffen und verfügbar zu machen. Heute nennt sich das Wikipedia.

Kant Was sie sich dabei gedacht haben, wissen nur die beiden. Was ich aber glaube ist, dass beide verstanden haben, dass Richard weniger ein Fan von Karl Marx als vielmehr von Immanuel Kant ist. Und weil es um die Menschen geht, wollte Richard mit seinen vier Freiheiten Antworten auf die vier Fragen von Immanuel geben.

Die GPL sehe ich als Stallmans Anwendung eines positiv formulierten Kathegorischen Imperatives ist. So in der Art: “Was Du willst, dass man Dir tu, das gesteh auch allen anderen zu.”

Open Source und Creative Commons dienen letztlich dem Zwecke der Aufklärung, dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit”, wie Kant es sagt. Die Fortsetzung der Aufklärung die Grundlage für eine nachhaltig funktionierende Zivilgesellschaft.

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Posted by grisnoir
Mar 172010

Scientia est Potentia – Wissen ist Macht.

Diese Aussage scheint für eine Vielzahl von Gruppierung eine geradezu magische Anziehung zu haben. Als prominentes Beispiel sei hier das Information Awareness Office genannt, das diesen Wahlspruch in ihrem Logo ausweist: Eine 13-stufige Pyramide, über der das Allsehende Auge die gesamte Erde überwacht…

Gegründet wurde die Organisation auf Initiative von George W. Bush und ursprünglich geleitet von John Poindexter, dem bereits im Zusammenhang mit der Iran-Contra-Affäre Verschwörung, Betrug, Lügen vor einem Ausschuss des US-Kongresses und die Vernichtung von Beweisen vorgeworfen wurden.

Nun ist es ja nicht unbedingt naheliegend, dass gerade George W. Bush seine Macht mit Wissen in Verbindung bringt. Doch Paranoia macht selbst den größten Ignoranten zum (vermeintlichen) Freund des Wissens, wie sich schnell aus der Selbstdarstellung der Organisation ablesen lässt:

„The DARPA Information Awareness Office (IAO) will imagine, develop, apply, integrate, demonstrate and transition information technologies, components and prototype, closed-loop, information systems that will counter asymmetric threats by achieving total information awareness useful for preemption; national security warning; and national security decision making.“

Gegen diesen Auftrag wirkt sogar die hier zu Lande diskutierte Vorratsdatenspeicherung, die an sich schon absurd genug ist, etwas blass.

Nun läßt es sich schwerlich verleugnen, dass Wissen auch Macht bedeuten kann, insbesondere wenn man:

  • Wissen als Ergebnis der Bespitzelung anderer betrachtet und nicht als Einsicht in systemische Zusammhänge.
  • das so gewonnene Wissen einer engen Gruppe von Personen vorbehält, welche sich fast jeglicher demokratisch legitimierten Kontrolle entziehen.
  • diese daraus resultierende Asymmetrie ohne Skrupel für den eigenen Vorteil unter dem Vorwand einer preventiven Verteidigung einsetzt.

Das Konzept ist bedauerlicherweise alt und bis zu einem gewissem Grad auch bewährt, sofern man die bloße Existenz unserer aktuellen Weltordung mit all ihren konvergierenden Krisen schon als Erfolg für diese verbuchen möchte.

Dennoch und auch gerade deshalb sind wir der Meinung, dass sowohl der hier verwendete Wissensbegriff als auch das Konzept der Machtausübung einer gründlichen Revision bedürfen:

Scientia est Responsibilitas – Wissen trägt Verantwortung:

Wissen ohne Einsicht ist Torheit. Macht ohne Verantwortung ist gefährlich und führt unweigerlich zur Tyrannei. Tyrannei führt zu Gewalt. Gewalt führt zu noch mehr Gewalt.

Wir wollen diesen Kreislauf durchbrechen. Nicht durch absolute Kontrolle, sondern durch relative Verantwortung.

Wissen entsteht nicht durch Aneignung (Proprietarisierung), sondern durch Teilen und den freien Austausch von Erfahrungen. Ein Zuwachs von Wissen ohne Zuwachs von Toleranz und Mitgefühl führt zu Hybris.

Verantwortliches Wissen ist die Einsicht in die Konsequenzen der eigenen Handlungen für sich selbst und die Umwelt. Diese Einsicht ist begrenzt durch das Entwicklungsniveau des menschlichen Geistes. Folglich sollte auch jede Form der Machtausübung begrenzt sein durch Aufteilung der Verantwortung auf mehrere Personen. Um die Überforderung des Einzelnen zu vermeiden, muss Wissen so notwenigerweise ein Gemeingut sein, das für alle offen ist, die Verantwortung übernehmen wollen.

Ergo: Die Grenzen meines Wissen sind die Grenzen meiner Verantwortung sind die Grenzen meiner Macht, die ich ausüben will und darf.

Dies ist an sich einfach, so es eine verinnerlichte Geisteshaltung ist. Doch jede Geisteshaltung bedarf einerseits des Geistes und anderseits einer Haltung.

Der ökonomische Geist ohne Haltung führt zu Wirtschaft aus Selbstzweck, getrieben von Machthunger und Gier. Haltung ohne ökonomischen Geist führt zu Ideologie als Selbstzweck, verbohrt und kompromisslos.

Für beides gibt es in der Geschichte genügend Beispiele für grandioses und tragisches Scheitern. Geschichte ist eine Quelle des Wissens über die Fehler von Menschen, aus der es zu lernen gilt.

Wir haben es satt, dass Menschen ohne Geist und Haltung unsere Geschicke bestimmen und von rückgradlosen Opportunisten dabei unterstützt werden.

Unser Wissen trägt Verantwortung. Wir haben die Wahl.

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Posted by grisnoir